„Die besten Spare Ribs der Stadt“ – wenn Marketing besser schmeckt als das Essen
- Jürgen Baumelt

- 24. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Ich frage mich ja wirklich, woher manche Blogger und Gastronomiebetriebe dieses beinahe grenzenlose Selbstbewusstsein nehmen. Da wird nicht einfach nur gutes Essen serviert – nein, es sind die besten Spare Ribs der Stadt. Manchmal sogar von „Wien und Umgebung“, was immer das heißen mag. Und kaum steht dieses Prädikat im Raum, kostet das Ripperl plötzlich nicht mehr 12, 16 oder 18 Euro, sondern locker 30. Weil: Beste. Der. Stadt.
Ich habe diese angeblich besten Spare Ribs gegessen. Mehr als einmal. Und ja, sie waren gut. Aber sie waren nicht lebensverändernd. Sie haben mich nicht emotional berührt, keine kulinarische Offenbarung ausgelöst und schon gar nicht rechtfertigt ihr Geschmack den Preisaufschlag, der offenbar allein durch ein selbst verliehenes Gütesiegel entsteht.
Das Absurde daran: Ich habe in Wien – wohlgemerkt ebenfalls in Wien – Spare Ribs um rund 14 Euro gegessen, die deutlich besser waren. Zarter, saftiger, geschmackvoller. Mit hausgemachten Saucen, die diesen Namen auch verdienen, und mit Bratkartoffeln aus der Pfanne. Aus der Pfanne! Nicht aus der Fritteuse, wo sie vorher offenbar gemeinsam mit Pommes und irgendwelchen undefinierbaren Beilagen ein kurzes, heißes Bad nehmen durften.

Was mich dabei besonders wundert, ist diese unglaubliche Selbstsicherheit, mit der andere Lokale indirekt schlechtgemacht werden. Denn nichts anderes passiert ja, wenn man sich selbst öffentlich zur unangefochtenen Nummer eins erklärt. Da schwingt immer mit: Alles andere ist nett, aber eigentlich zweitklassig. Und das ist schon eine ziemlich steile Ansage in einer Stadt wie Wien, in der es unzählige großartige Wirtshäuser, Beisln und kleine Lokale gibt, die seit Jahren – oft seit Jahrzehnten – hervorragende Küche liefern, ohne sich selbst mit Superlativen zu übergießen.
Dasselbe Spiel bei der Stelze. Es gibt diese eine, wahrscheinlich bekannteste Stelze Wiens. Ein kulinarisches Wahrzeichen, wenn man manchen Berichten glaubt. Auch hier: gegessen, für gut befunden, aber keineswegs vom Hocker gefallen. Ich habe anderswo Stelzen gegessen, die knuspriger waren, saftiger, besser gewürzt – und das ganz ohne Kultstatus, ohne ständige Erwähnung in Medien und ohne den Anspruch, die Messlatte für alle anderen zu sein.
Und dann sind da noch die Schnitzel. Aber das ist wieder ein eigenes Kapitel. Auch hier gilt: Nur weil etwas oft als „das beste“ bezeichnet wird, heißt das noch lange nicht, dass es das für jeden ist. Geschmack ist subjektiv, Essen ist Emotion, Erinnerung, Atmosphäre. Das lässt sich nicht objektiv in Ranglisten pressen – auch wenn manche das sehr gerne versuchen.

Vielleicht ist es genau das, was mich daran so stört: Diese Selbstverständlichkeit, mit der Meinungen als Fakten verkauft werden. Als wäre es ein Naturgesetz, dass genau dieses Lokal, genau dieses Gericht, genau diese Zubereitung alternativlos ist. Und als müsste man dafür automatisch tiefer in die Tasche greifen.
Ich wünsche mir manchmal etwas mehr Demut. Etwas mehr Ehrlichkeit. Ein „sehr gute Spare Ribs“ statt „die besten der Stadt“. Ein „unsere Gäste lieben sie“ statt „alles andere ist Mittelmaß“. Denn gutes Essen braucht kein großes Ego. Es braucht Qualität, Leidenschaft und Respekt – auch vor den vielen anderen, die ebenfalls großartige Arbeit leisten.
Und ganz ehrlich: Die besten Spare Ribs der Stadt? Die finde ich oft dort, wo niemand darüber schreibt. Dort, wo kein Schild hängt, das mir erklärt, wie großartig das Essen ist. Sondern dort, wo es einfach schmeckt.


Gut geschrieben!