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Das Verschwinden queerer Lokale: Warum schwule Bars und Saunen immer seltener werden

  • Autorenbild: Jürgen Baumelt
    Jürgen Baumelt
  • vor 1 Tag
  • 2 Min. Lesezeit

Es passiert leise. Keine großen Schlagzeilen, keine Proteste, selten einmal ein Nachruf in der Stadtpresse. Ein queeres Lokal sperrt zu, eine Bar findet keinen Nachpächter, eine Sauna reduziert ihre Tage oder öffnet sich „gemischt“. In Österreich wie in Deutschland ist das längst kein Einzelfall mehr, sondern ein Trend. Und oft hört man dann diesen einen Satz: „Braucht man das heute überhaupt noch?“


Die Antwort darauf ist komplizierter, als sie klingt.

Natürlich hat sich die Welt verändert. Wer heute queer ist, muss sich in vielen Städten nicht mehr zwangsläufig verstecken. Man kann sich in ganz normalen Bars treffen, auf Straßen Händchen halten, sichtbar sein. Was früher Schutzraum war, ist heute – zumindest für manche – einfach Alltag. Dazu kommen Dating-Apps, die Begegnung effizient gemacht haben. Man lernt sich nicht mehr am Tresen kennen, sondern auf dem Display. Man geht nicht mehr aus, um jemanden zu finden, sondern um jemanden zu treffen – oder man bleibt gleich zu Hause.


All das ist Fortschritt. Aber Fortschritt hat Nebenwirkungen.

Queere Lokale waren nie nur Orte zum Trinken, Tanzen oder Saunieren. Sie waren soziale Infrastrukturen. Orte, an denen man nicht erklären musste, wer man ist. Orte, an denen Blickkontakte Bedeutung hatten, an denen Zugehörigkeit spürbar war, auch ohne Worte. Wer neu in der Stadt war, wer frisch geoutet, wer unsicher oder allein, wusste: Dort kann ich hingehen.



Queere Lokale schließen


Mit der zunehmenden gesellschaftlichen Akzeptanz ist diese Notwendigkeit geschrumpft – aber sie ist nicht verschwunden. Sie ist nur unsichtbarer geworden. Denn Akzeptanz ist ungleich verteilt. Sie gilt stärker für junge, urbane, angepasste Queers als für ältere, für Menschen vom Land, für trans oder nichtbinäre Personen. Gerade für sie waren diese Orte mehr als Nostalgie. Sie waren Halt.


Hinzu kommt eine ganz banale Realität: Geld. Queere Lokale waren selten wirtschaftliche Erfolgsmodelle. Viele lebten von Idealismus, von Betreiber*innen, die mehr Herzblut als Gewinn investierten. Steigende Mieten, hohe Energiekosten, Personalmangel und sinkender Konsum treffen sie härter als andere. Wenn dann noch die Stammkundschaft ausbleibt, weil man sich lieber privat oder online trifft, kippt das fragile Gleichgewicht schnell.


Auch die Community selbst hat sich verändert.

Sie ist vielfältiger, fragmentierter, weniger eindeutig. Das klassische „Gay-Lokal“ spricht heute längst nicht mehr automatisch alle an. Statt fester Treffpunkte entstehen temporäre Räume: Pop-up-Partys, Kollektive, einzelne Events. Das kann aufregend sein – aber es ersetzt keinen Ort, an dem man einfach da sein kann, ohne Anlass, ohne Ticket, ohne Szene-Code.


Selbst die Veränderungen in Gay-Saunen erzählen davon. Gemischte Tage galten früher als undenkbar, fast als Tabubruch. Heute sind sie Realität. Einerseits ein Zeichen von Öffnung und Entspannung, andererseits oft schlicht eine Überlebensstrategie. Mehr Zielgruppen, bessere Auslastung, längeres Durchhalten. Fortschritt und wirtschaftlicher Druck gehen hier Hand in Hand.



Queere Lokale schließen


Das Problem ist nicht, dass queere Orte sich verändern. Das Problem ist, dass sie verschwinden, ohne dass wir neu darüber nachdenken, was wir an ihre Stelle setzen. Digitale Sichtbarkeit ersetzt keine physische Gemeinschaft. Akzeptanz ersetzt keinen Schutzraum. Und Freiheit bedeutet nicht automatisch Verbundenheit.


Vielleicht brauchen wir heute weniger klassische Szenelokale – aber wir brauchen immer noch Orte, die nicht erklären, sondern auffangen. Orte, die nicht nur Konsum bieten, sondern Begegnung. Wenn diese Orte verschwinden, verlieren wir mehr als Bars oder Saunen. Wir verlieren Räume, in denen queeres Leben nicht nur erlaubt, sondern selbstverständlich war.


Und das merkt man oft erst, wenn das Licht endgültig aus ist.

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