Warum ich mich von der heutigen LGBTQ-Bewegung distanziere
- Jürgen Baumelt

- vor 13 Stunden
- 2 Min. Lesezeit
Gleiche Rechte waren das Ziel – und irgendwo sind wir falsch abgebogen
Ich gehöre zu einer Generation, die für etwas ziemlich Bodenständiges gekämpft hat: gleiche Rechte. Nicht mehr, nicht weniger. Das Recht, zu lieben, wen man liebt. Das Recht, nicht schief angeschaut, ausgelacht oder ausgegrenzt zu werden. Das Recht, einfach da zu sein, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Punkt.
Damals war das Ziel klar. Überschaubar sogar. Wir wollten nicht besonders sein, wir wollten gleich sein. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten, gleiche Würde. Keine Extrawürste, keine Sonderbehandlungen, keine goldenen Regenbogen-Toiletten mit Einhorn-Service. Einfach Gleichberechtigung.
Und genau deshalb merke ich, dass ich mich immer mehr von dem entferne, was heute unter „der LGBTQ-Community“ läuft. Nicht von Menschen. Nicht von Lebensrealitäten. Sondern von einer Bewegung, die sich aus meiner Sicht immer weiter von ihrem ursprünglichen Kern entfernt.

Denn heute geht es gefühlt weniger um gleiche Rechte, sondern immer öfter um individuelle Sonderregeln. Jeder darf – oder muss – täglich neu entscheiden, ob er heute Mann, Frau oder etwas dazwischen, darüber oder jenseits davon ist. Was für manche Befreiung bedeutet, wirkt für andere zunehmend wie ein theoretisches Seminar, das man unvorbereitet besucht hat und bei dem man ständig Angst hat, die falsche Abkürzung zu benutzen.
Früher war klar: Diskriminierung ist falsch. Heute habe ich manchmal das Gefühl, dass ich mich durch ein sprachliches Minenfeld bewege. Ein falsches Wort, ein falscher Blick, eine unbedachte Frage – und schon ist man nicht mehr Verbündeter, sondern Teil des Problems. Das macht müde. Und es macht distanziert.
Besonders absurd wird es dort, wo plötzlich jede Identität ihre eigene Toilette zu brauchen scheint. Wir haben jahrzehntelang dafür gekämpft, dass es egal ist, wer neben mir am Waschbecken steht. Heute soll ich mir wieder Gedanken machen, wer wo darf, soll oder muss.
Was mich dabei am meisten stört: Unser ursprünglicher Kampf wird dadurch kleiner gemacht. Lächerlicher. Angreifbarer. Gegner müssen heute gar nicht mehr viel tun – sie zeigen einfach auf die absurdesten Auswüchse und sagen: „Schaut euch das an.“ Und leider funktioniert das viel zu gut.

Ich distanziere mich also nicht, weil ich intolerant geworden bin. Im Gegenteil. Sondern weil ich das Gefühl habe, dass eine Bewegung, die einst für Normalität gekämpft hat, sich heute in einer Dauerschleife aus Selbstdefinition, Abgrenzung und Empörung verliert. Und dabei genau das verspielt, was wir uns mühsam erarbeitet haben: gesellschaftliche Akzeptanz.
Vielleicht bin ich altmodisch. Vielleicht bin ich einfach in einer Zeit stehen geblieben, in der Gleichberechtigung bedeutete, nicht ständig im Mittelpunkt zu stehen. Aber ich wünsche mir manchmal, wir würden wieder einen Gang runterschalten. Weniger Etiketten, weniger Regeln, weniger moralische Oberlehrerhaftigkeit. Dafür mehr Gelassenheit, mehr Humor und mehr Fokus auf das Wesentliche.
Denn am Ende wollte ich nie Teil einer Community sein, die sich über immer neue Unterschiede definiert. Ich wollte Teil einer Gesellschaft sein, in der diese Unterschiede keine Rolle mehr spielen. Und genau deshalb gehe ich innerlich ein paar Schritte zurück – mit einem leichten Seufzer, einem müden Lächeln und der Hoffnung, dass wir uns irgendwann wieder daran erinnern, wofür wir eigentlich losgegangen sind.




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