Republik Kugelmugel – ein Staat, der runder nicht sein könnte
- Jürgen Baumelt

- 6. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 23 Stunden
Eines der charmantesten Originale der Stadt versteckt sich mitten im Prater – die Republik Kugelmugel. Ein Staat, der kleiner ist als manche Wohnungsküche, dafür aber eine Geschichte so großherzig erzählt, dass man sofort ein bisschen lächeln muss.
Ich kenne Kugelmugel schon lange. Länger, als man ein rundes Objekt kennen sollte, das vorgibt, ein Staat zu sein. Und trotzdem ertappe ich mich jedes Mal dabei, wie ich stehenbleibe – nicht wegen der Kugel, die sich hartnäckig weigert, jemals subtil zu sein, sondern wegen der Menschen, die sie anschauen, als hätten sie gerade das achte Weltwunder entdeckt. Manche fotografieren sie, als würde die Kugel gleich ein Geheimnis verraten. Andere betrachten sie mit diesem „Ich versteh’s nicht, aber es ist Instagram-tauglich“-Blick.
Kugelmugel hat diese seltsame Anziehungskraft: Man kann nicht hinein, man darf nicht näher ran, weil die Republik von einem Zaun umgeben ist, der aussieht, als hätte jemand im Baumarkt den Bereich „militärische Abwehrmaßnahmen für Einfamilienhäuser“ leergekauft. Stacheldraht obendrauf – für den Fall, dass jemand auf die wahnwitzige Idee kommt, die Staatsgrenze zu übertreten und damit einen internationalen Zwischenfall auszulösen.

Dass das Ganze auf dem Antifaschismusplatz steht, macht es nur noch surrealer. Eine orange Kugel, die sich weigert, ins System der rechten Winkel eingemeindet zu werden, platziert auf einem Platz, der ein politisches Statement ist. Es ist ein bisschen grotesk, ein bisschen komisch – und gleichzeitig genau die Art von Symbolik, die man nicht planen könnte, selbst wenn man wollte.
Doch Kugelmugel ist ja viel mehr als nur ein Kunstwerk. Man kann dort eine Staatsbürgerschaft beantragen, die vermutlich nicht einmal bei der Anmeldung eines Rabattclubs akzeptiert wird. Man kann Briefmarken kaufen, die keinen einzigen Postschalter dieser Welt beeindrucken würden. Und ja – man kann sich sogar eine Heiratsurkunde holen, was wohl der romantischste Weg ist, ein völlig nicht rechtskräftiges Dokument zu besitzen.

Ich frage mich jedes Mal: Was davon ist ernst gemeint? Was ist Spaß? Was ist Trotz? Und vielleicht ist genau diese Mischung das Großartige daran. Vielleicht ist Kugelmugel der poetische Beweis, dass Kunst nicht nur in Galerien herumsteht, sondern sich auch festbeißen kann – an Orten, an Bedeutungen, an Menschen wie mir, die immer wieder zurückkehren, weil sie das Absurde lieben.
Für mich ist Kugelmugel ein rundes Augenzwinkern an die Welt. Ein kleines Land, das nichts anerkennen muss und nichts anerkannt bekommt. Eine Kugel, die uns leise zuflüstert: „Wenn Kunst frei sein soll, dann bitte richtig frei. Frei genug, um ein Staat zu werden.“

Und jedes Mal, wenn ich dort vorbeigehe, denke ich: Vielleicht muss man die Welt nicht verstehen. Vielleicht genügt es manchmal, über eine orange Kugel zu schmunzeln, die sich weigert, etwas anderes zu sein, als sie ist – und gerade dadurch mehr Wirkung hat als manches Monument aus Stein.
Und so sehe ich die Republik Kugelmugel eben auf meine eigene Art – wohlwissend, dass dahinter vermutlich ein ganz anderer Grund, eine andere Geschichte oder vielleicht sogar ein völlig anderer Gedanke steckt, den nur die Kugel selbst kennt und der Gründer Edwin Lipburger kannte.
Meine kleine Bildergalerie
Fotos: Jürgen von Netzlos / Smartphone
Interessanter Link passend zum Beitrag:






















Was es nicht alles gibt?! Kann man das auch von innen besuchen?
Interessante Sichtweise und gut geschrieben.
Sehr lieb geschrieben. Vielleicht wird dir sogar die Staatsbürgerschaft verliehen. 🥳
Interessant, muss ich mir beim nächsten Wienaufenthalt ansehen. Danke für den Beitrag.
Noch nie gesehen! Muss ich mal suchen gehen. Scheint ein interessanter Ort zu sein.