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Schedifkaplatz in Meidling - Wenn Bequemlichkeit wichtiger ist als Rücksicht

  • Autorenbild: Jürgen Baumelt
    Jürgen Baumelt
  • 15. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Es sind oft die kleinen Alltagssituationen, die mehr sagen als große Debatten. Eine davon spielt sich täglich vor den Aufzügen zu den öffentlichen Verkehrsmitteln ab – zum Beispiel am Schedifkaplatz in Meidling. Ein unscheinbarer Ort, an dem man unfreiwillig zum Beobachter eines gesellschaftlichen Experiments wird.


Da steht er, der Aufzug zur U-Bahn (oder zur S-Bahn). Daneben eine völlig funktionstüchtige Rolltreppe. Und davor: eine Schlange. Nicht aus Menschen, die auf diesen Aufzug angewiesen wären, sondern aus jungen, gesunden Personen. Sneakers, Rucksack, Kopfhörer, der Blick fest am Handy verankert, als gäbe es außerhalb des Displays keine Welt mehr.



Beobachtung am Schedifkaplatz


Weiter hinten warten jene, für die dieser Aufzug tatsächlich wichtig ist. Menschen, die ihn brauchen. Menschen, für die Treppen oder Rolltreppen keine Option sind oder nur mit großer Mühe. Sie warten ruhig, geduldig, beinahe selbstverständlich – als hätten sie sich längst damit abgefunden, dass Rücksicht keine Priorität mehr hat.


Und ich frage mich jedes Mal: Wann ist Bequemlichkeit eigentlich zur gesellschaftlichen Norm geworden?


Natürlich darf jeder einen Aufzug benutzen. Es gibt keine Regel, die das verbietet. Aber es gab einmal etwas, das man Hausverstand nannte. Dieses innere Gefühl dafür, wann man selbst zurücktritt, weil jemand anderes gerade mehr Unterstützung braucht.


Dieses Gefühl scheint inzwischen erstaunlich selten geworden zu sein.

Besonders deutlich wird das in dem Moment, in dem der Aufzug ankommt. Die Türen öffnen sich, ein kurzer Augenblick der Orientierung – und dann wird eingestiegen. Ohne Blick nach hinten. Ohne Zögern. Ohne das leiseste Innehalten. Diejenigen, die auf den Aufzug angewiesen sind, warten weiter. Runde für Runde.


Manchmal wünsche ich mir eine automatische Durchsage: „Achtung, Sie sind jung, gesund und könnten problemlos die Rolltreppe benutzen. Bitte aktivieren Sie nun Ihren Menschenverstand.“ Oder ein schlichtes Schild: „Aufzug ist kein Komfortbonus.“


Was mich daran am meisten irritiert, ist nicht die einzelne Person. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der fehlende Rücksicht gelebt wird. Niemand wirkt absichtlich rücksichtslos. Es passiert einfach. Und genau das macht es so unerquicklich.


Dabei würde oft schon wenig reichen. Ein Blick. Ein Schritt zur Seite. Ein kurzer Moment des Mitdenkens. Keine große Geste, kein moralischer Zeigefinger – nur Aufmerksamkeit für den Raum, den man mit anderen teilt.



Beobachtung am Schedifkaplatz


Vielleicht liegt es an den Kopfhörern. Vielleicht an den Bildschirmen. Vielleicht daran, dass wir verlernt haben, kurz aufzuschauen. Öffentlicher Raum bedeutet aber, dass man ihn nicht allein nutzt, sondern gemeinsam.


Ich schreibe diesen Text nicht aus Wut, sondern aus Hoffnung. Aus der Hoffnung, dass sich jemand beim nächsten Mal kurz ertappt fühlt. Dass jemand innehält und denkt: „Eigentlich braucht den Aufzug gerade jemand dringender als ich. Der Mann mit Gehstock, die Frau mit dem Kinderwagen,..."


Wenn das auch nur einmal passiert, dann hat sich mein tägliches innerliches Kopfschütteln am Schedifkaplatz wenigstens ein kleines bisschen gelohnt.

Denn der Aufzug ist nicht das Problem. Der fehlende Hausverstand schon.

3 Kommentare


Meidlinger
vor 19 Stunden

dieser Platz ist überhaupt ein seltsames Platzerl in Meidling. Dubiose Gestalten, viele kommen mit der Badnerbahn vom Flüchtlingsheim. Und ganz nebenbei, die Rolltreppe ist auch meist defekt - tut zwar nichts zur Sache mit deinem Beitrag. Tolles Tagebuch!

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Chris
15. Jan.

Es ist traurig, dass solche Dinge täglich passieren. Es sind beide Seiten hier gefordert: die Jugend mit mehr rücksicht und besserem Benehmen - und vorallem mal wahrnehmen, was rundherum passiert, was ja nicht geht, wenn man immer nur aufs Hand schaut. Und die, die lammfromm, evtl. unsicher oder gar ängstlich sind nichts zu sagen trauen. Wo sind wir nur hingekommen?? In meiner Jugend hätte uns irgendein Erwachsener angeschnauzt, wenn wir jemand mit Kinderwagen oder Gehstock nicht beachtet hätten. Und es wäre für uns selbstverständlich gewesen. Aber Jugendliche, die dieses rücksichtslose Verhalten schon von den Eltern gewöhnt sind, denken sich gar nchts dabei. Die merken gar nicht mehr, wie ungebührlich und schäbig sie sich den Mitmenschen gegenüber benehmen. Traurig das alles!!…

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René aus Meidling
15. Jan.

Ich liebe deinen Blog 😍

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