Der Dezember kann weg - für mich zumindest
- Jürgen Baumelt

- 13. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 1. Jan.
Es gibt Monate, die leben still vor sich hin. März zum Beispiel. Oder Juni. Niemand erwartet etwas Großes von ihnen. Und dann gibt es den Dezember. Der Monat, der sich aufführt wie ein Eventmanager mit Burnout und Kontrollzwang. Kaum ist der November vorbei, übernimmt der Dezember das Kommando über Gefühle, Terminkalender, Geldbörsen und Nerven.
Alles beginnt mit dem Adventkalender. Ein an sich harmloses Stück Pappe, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, mich 24 Tage lang systematisch auf einen einzigen Abend vorzubereiten. Täglich wird mir mit einem Türchen signalisiert: „Es dauert nicht mehr lang.“ Danke. Wirklich. Als hätte ich nicht ohnehin schon einen Kalender, eine Uhr und ein diffuses Gefühl von Unbehagen. Und je näher der 24. kommt, desto größer wird die Erwartungshaltung. Als müsste dieser eine Abend bitte alles liefern: Harmonie, Freude, Besinnlichkeit und idealerweise auch Weltfrieden. Kein Druck.

Falls man den Adventkalender ignoriert, wartet der Adventkranz. Das gleiche Spiel, nur langsamer und mit Feuer. Jeden Sonntag eine Kerze mehr. Ein wöchentliches Reminder-System, das sagt: „Du kannst nicht flüchten.“ Vier Sonntage lang sitzt man da, schaut in die Flammen und weiß: Es wird ernst. Sehr ernst. Der Adventkranz ist im Grunde ein Countdown mit Brandgefahr.
Und dann betreten sie die Bühne: Nikolaus und Krampus. Zwei Figuren, die vermutlich irgendwann einmal eine pädagogische Funktion hatten und heute hauptsächlich für Verwirrung sorgen. Der eine ist lieb, der andere böse, beide kommen ungefragt. Als Erwachsener fragt man sich: Muss das wirklich noch sein? Aber nein, der Dezember sagt: Doch. Und zwar mit Kostüm, Kettenrasseln und schlechten Reimen. Trauma zum Mitnehmen.
Parallel dazu beginnt die akustische Dauerbeschallung. Weihnachtslieder. Überall. Immer. In einer Endlosschleife, die offenbar nie aktualisiert wurde. Die immer gleichen Melodien, gesungen von immer neuen Stimmen, die alle behaupten, dass jetzt die stillste Zeit des Jahres sei. Still. Genau. Während im Hintergrund zum zwanzigsten Mal „Last Christmas“ läuft und man ernsthaft überlegt, ob man nicht einfach ohne Musik einkaufen könnte. Spoiler: Kann man nicht.
Natürlich wird auch dekoriert. Und zwar alles. Bäume, Fenster, Balkone, Laternen, Zäune, Dinge, von denen man vorher nicht wusste, dass man sie dekorieren kann. Lichterketten hängen an Orten, an denen sie offensichtlich nie wieder entfernt werden. Der Dezember ist der Monat, in dem Häuser aussehen wie explodierte Christbaumkugeln und niemand das seltsam findet.

Und dann WhatsApp. Oh, WhatsApp im Dezember. An jedem Adventsonntag kommen sie. Die Nachrichten. „Schönen 1. Advent“, „Schönen 2. Advent“, „Schönen 3. Advent“, „Schönen 4. Advent“. Immer die gleiche Nachricht, nur die Zahl wird angepasst. Dazu Nikolausgrüße, Krampusgrüße, Sternchen, Kerzen, Engel und Glitzer-GIFs. Man bedankt sich höflich, fragt sich aber innerlich, ob irgendjemand wirklich glaubt, dass mein Tag durch diese Nachricht messbar besser geworden ist.
Als wäre das noch nicht genug, locken die Weihnachtsmärkte. Angeblich romantisch, angeblich traditionell, angeblich zum Einkaufen. In Wahrheit sind es großflächige Alkoholversorgungsstationen mit Hintergrundbeleuchtung. Gekauft wird dort nichts, außer Punsch, Glühwein, Lumumba und noch ein Punsch, weil der erste nicht gewirkt hat. Nach fünf Minuten friert man, nach zehn Minuten ist man leicht betrunken, nach fünfzehn Minuten fragt man sich, warum man nicht einfach in ein warmes Lokal gegangen ist.
Der emotionale Höhepunkt des Ganzen ist natürlich Heiligabend. Der Abend, auf den man einen ganzen Monat lang vorbereitet wurde, als würde man eine Prüfung ablegen. Alle sollen glücklich sein. Alle sollen sich freuen. Alles soll perfekt sein. Ein Abend, der so aufgeladen ist, dass es ein Wunder ist, wenn niemand Bauchweh bekommt – physisch oder seelisch. Und wehe, jemand ist nicht ausreichend besinnlich. Das merkt man sofort.
Wenn dann endlich Silvester kommt, feiern viele den Jahreswechsel. Ich feiere etwas ganz anderes. Ich feiere, dass dieser gschissene Dezember endlich vorbei ist. Kein Adventkalender mehr. Keine Kerzen. Keine Grüße. Keine Lieder. Keine Märkte. Einfach wieder normale Tage. Ruhe. Alltag. Frieden.
Darum mein Vorschlag: Der Dezember kann weg. Komplett. Oder wir reduzieren ihn drastisch. Drei Tage reichen völlig. Ein bisschen Lichterkette, einmal „Stille Nacht“, kurz Bescherung – und dann zurück zur Normalität. Alles andere ist übertrieben, anstrengend und ehrlich gesagt nicht notwendig.
Ich stoße an Silvester nicht auf das neue Jahr an. Ich stoße darauf an, dass ich den Dezember überlebt habe. Und allein das ist schon ein Grund zum Feiern. 🍾



Wie wahr - wie wahr!! .... am besten Mitte November z´sammpacken und irgendwohin in die Sonne fliegen und erst Ende Jänner wieder kommen. Aber !!! Das Schreckliche an diesen Urlaubsorten ist, dass die dort dann versuchen durch Weihnachtsmänner, Kugeln, Girlanden, und immensen Kitsch etc. Weihnachtsstimmung zu vermitteln. Das ist ja noch grauslicher als Weihnachten zu Hause. Dann doch lieber Kälte und einen Glühwein zum Wärmen - am besten zu Hause selbst gemacht - ein gutes Buch zur Hand nehmen und schöne Musik hören..... und nur Menschen sehen, die man sehen mag 😉