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"Die kleine Hexe von Darnautien" - Ein Märchen aus Wien Meidling

  • Autorenbild: Jürgen Baumelt
    Jürgen Baumelt
  • vor 4 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 21 Stunden

Vorwort

Diesmal gibt es keinen Blogbeitrag im eigentlichen Sinne. Keine Analyse, kein Reisebericht, kein Rezept und keine Abrechnung. Stattdessen habe ich ein kleines Märchen geschrieben. Ein Märchen mit dem Titel: "Die kleine Hexe von Darnautien". Die Hexe ist Teil dieser Erzählung. Sie steht für eine Märchenfigur, nicht für eine konkrete Bewohnerin, keine reale Person und keine tatsächliche Begebenheit. Alles bleibt ein Märchen.


Es war einmal...


Es war einmal – und eigentlich ist es gar nicht so lange her – da lag in Meidling ein kleiner Ort namens Darnautien. Kein offizieller Name, eher ein liebevoller Spitzname. Ein Innenhof mit Bäumen, umgeben von zwei Stiegen - also Häuser, viele nette Nachbarn, die einander kannten, und dieses seltene Gefühl, dass Wohnen mehr sein kann als bloß Quadratmeter mit Postkasten.

Darnautien war ein Paradies im Kleinen, mitten in Meidling, in der Darnautgasse gelegen. Still, grün, unaufgeregt. Bis eines Tages eine kleine Hexe auf dem Besen zuflog, ihr neues Zuhause einrichtete und aus der Reihe tanzte.



Die kleine Hexe von Darnautien


Die Hexe von Darnautien. Eine Märchenfigur, ein Fabelwesen – oder doch eine sehr reale Erscheinung? Sie lebte in einem der zwei Häuser, kannte jede Ecke, jedes Detail, jede Kleinigkeit. Sie fragte Nachbarn über Nachbarn aus. Und vor allem: Sie wusste es besser. Immer.


Die offiziellen Regeln der Hausverwaltung? Nett gemeint. Aber offenbar zu unverbindlich, zu weich, zu wenig… konsequent. Also beschloss die kleine Hexe, selbst Ordnung zu schaffen. Nach ihren eigenen Vorstellungen und Regeln. Mit Nachdruck. Und ohne unnötige Rückfragen.


Plötzlich waren sie da: Kameras. Unauffällig angebracht, nicht angekündigt, nicht erklärt. Einfach installiert. Als wären sie ganz selbstverständlich Teil der Hausordnung gewesen. Manche Bewohner fragten sich leise, ob das rechtlich überhaupt erlaubt sei. Andere entschieden sich klugerweise für Schweigen. Hexen reagieren empfindlich auf Zweifel.



Die kleine Hexe von Darnautien


Doch die wahre Tragödie spielte sich im Garten ab.

Dort standen Bäume. Echte, gewachsene, alte Bäume. Sie spendeten Schatten, filterten den Lärm der Stadt, gaben den Vögeln und Eichhörnchen einen Lebensraum und Darnautien sein Herz. Man öffnete das Fenster, atmete durch und vergaß für einen Moment, dass man in Wien wohnte.

Die kleine Hexe betrachtete sie kritisch. Zu wild. Zu groß. Zu wenig unter Kontrolle.

Was folgte, war kein liebevoller Rückschnitt, sondern eine radikale Maßnahme. Äste wurden gekappt, Kronen verstümmelt, bis selbst Menschen ohne botanisches Wissen ahnten: Das wird der Baum vielleicht nicht überstehen. Und wenn doch, dann nur irgendwie. Kurzum - der Baum, der bis in die dritte Etage des Hauses Schatten spendete, bestand nur mehr aus einem verkrüppelten Hauptstamm.

Die Bewohner sahen zu. Sprachlos. Kopfschüttelnd. Mit diesem mulmigen Gefühl, wenn man merkt, dass jemand Macht ausübt, ohne dazu befugt zu sein – aber niemand so recht weiß, wie man das stoppt.


Mit der Zeit entwickelte die kleine Hexe noch eine weitere besondere Fähigkeit: die Kunst der willkürlichen Schuldzuweisung. Wann immer irgendwo in ihrem Reich ein Stück Müll auftauchte – Eierschalen, altes Obst, leere Becher –, wusste sie sofort, wer es gewesen sein musste. Beweise brauchte sie dafür keine. Vermutungen reichten vollkommen.

Einzelne Nachbarn wurden auserkoren, zu Verursachern erklärt und innerlich bereits verurteilt, lange bevor irgendwer überhaupt gefragt hatte. In Darnautien lernte man so, dass nicht der Müll das Problem war, sondern die Tatsache, dass Schuld plötzlich frei verteilt wurde – ganz ohne Grundlage, aber mit umso größerer Überzeugung.



Die kleine Hexe von Darnautien


Und so veränderte sich Darnautien. Nicht plötzlich. Nicht dramatisch. Sondern schleichend.

Aus dem Paradies wurde ein gewöhnlicher Wohnort. Ordentlich. Funktional. Regelkonform – zumindest nach hexeneigener Auslegung.


Man wohnt hier jetzt. Man lebt nicht mehr hier.

Aber Darnautien wird wieder schöner, paradiesischer, freundlicher,...


Fortsetzung folgt!

Natürlich ist dieses Märchen frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen, Hexen, Hausdrachen, weiblichen Regelhüterinnen, eigenmächtigen Kamerainstallationen, drastischen Baumschnitten oder tatsächlichen Begebenheiten ist rein zufällig. Wirklich. Ganz bestimmt.


Und falls sich doch jemand angesprochen fühlt – dann liegt das vermutlich nicht am Märchen.

3 Kommentare


Peter
vor 21 Stunden

Schönes Märchen. Da liegt sicher mehr Wahrheit dahinter. Auch wir haben so eine ähnliche Hexe in unserem Gemeindebau. Alle sollen nach ihren Regeln handeln. Da gilt keine Hausordnung. Und wer anders handelt, denkt oder tut, der bekommt es zu spüren. Nun musste sie gehen! 😂


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Lorenz
vor 3 Tagen

Beruht diese Geschichte auf eine wahre Begebenheit oder ist das rein erfunden? Schöner Blog und interessante Geschichten. Ich mag diese unterschiedlichen Themen. Bleib dran, ich verspüre leider ein massives Bloggersterben. Vielleicht kannst du darüber auch mal etwas schreiben?!

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Silvia
vor 3 Tagen

Freue mich schon auf die Fortsetzung. 👏

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