Ein Jahr in Meidling – oder: Vom Favoritner zum Fast-Meidlinger
- vor 6 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
In Kürze ist es tatsächlich so weit: Mein erstes Jahr in Meidling ist voll – und ich frage mich selbst ein bisschen, wann genau aus „ich bin gerade erst hergezogen“ plötzlich „ich kenn mich hier eh schon aus“ geworden ist.
Ein ganzes Jahr. Und ja, ich weiß – ich bin „nur“ von Favoriten hierhergezogen. Also rein geografisch eher ein Hüpfer als ein Neuanfang. Aber kulturell? Sagen wir so: Ich habe mehr Anpassungsleistung erbracht als bei mancher Fernreise.
Vom Favoritner zum Meidlinger (mit leichtem Kulturschock)
Favoriten war direkt, laut und ehrlich. Wenn dich dort jemand anschaut, weißt du sofort, woran du bist – meistens nichts Gutes, aber immerhin klar. Wenn dort jemand „Entschuldigung“ sagt, klingt es wie eine Drohung.
In Meidling hingegen habe ich gelernt: Man kann grantig sein – aber auf eine entspannte Art. Der Grant ist hier feiner dosiert, fast schon elegant. Man wird nicht mehr offen angeschnauzt, sondern eher… atmosphärisch bewertet. Ein kurzer Blick reicht, und du weißt: Du hast etwas falsch gemacht. Du weißt nur nicht was.
Mein erster prägender Moment war an der Supermarktkassa. Drei Produkte aufs Band gelegt, innerlich stolz, alles im Griff zu haben. Die Kassiererin schaut mich an und fragt nur: „Sackerl?“ Ich, völlig unvorbereitet auf diese existenzielle Frage: „Äh… ja, bitte?“
Der Blick, den ich daraufhin bekommen habe, war irgendwo zwischen Enttäuschung und pädagogischem Auftrag. In diesem Moment wusste ich: Meidling wird mich formen.
Öffis: Eine Reise durch alle Gefühlslagen
Wer hier lebt, kommt an der U6 nicht vorbei. Und ehrlich gesagt: Das ist weniger ein Verkehrsmittel als eine soziale Studie auf Schienen.
Du steigst ein und bekommst alles geboten – spontane Monologe, intensive Handygespräche über Themen, die du nie hören wolltest, und Menschen, die einfach nur still dastehen und aussehen, als hätten sie mit dem Leben abgeschlossen (vermutlich seit der letzten Durchsage).
Und dann gibt es noch die Badner Bahn. Sie hat diesen ganz eigenen Charme: Du steigst ein, fährst ein paar Stationen und bist dir plötzlich nicht mehr sicher, ob du noch in Wien bist oder schon in einem leicht nostalgischen Paralleluniversum.
Ich beschwere mich – aber natürlich fahre ich trotzdem täglich. Liebe ist kompliziert.

Kulinarische Selbstfindung zwischen „eh gut“ und „wirklich gut“
In Favoriten war die kulinarische Welt simpel: Der beste Kebap war immer der mit der längsten Schlange. Ende der Diskussion.
In Meidling ist das… differenzierter. Hier wird analysiert, verglichen und bewertet, als ginge es um eine Doktorarbeit. Ich bin einmal zufällig in eine Unterhaltung über Kaffee geraten und habe nach fünf Minuten nicht mehr gewusst, ob es noch um ein Getränk oder schon um eine Lebenseinstellung geht.
Ich selbst halte es weiterhin eher pragmatisch: Hauptsache, es schmeckt und macht wach. Aber ich nicke mittlerweile sehr überzeugend, wenn jemand von Röstgraden spricht.
Nachbarschaft: Man kennt sich – ob man will oder nicht
Ein echter Unterschied hat sich im Haus gezeigt, welches sich in Darnautien befindet - einem kleinen Paradies in der Darnautgasse. In Favoriten hätte ich vermutlich unbemerkt ausziehen können, solange ich die Tür leise schließe.
Hier in Meidling (in Darnautien) hingegen bin ich Teil eines sozialen Systems geworden, das besser funktioniert als jede App. Hier wird beobachtet, registriert und – ganz wichtig – kommentiert.
Einmal wurde ich im Stiegenhaus begrüßt mit: „Na, gestern wieder mal a bissl früh aufgstanden?“ Lärm habe ich keinen gemacht, somit hat mich wohl das Licht verraten. Ich wusste nicht, ob ich beeindruckt oder leicht beunruhigt sein soll. Habe mich dann für ein nervöses Lächeln entschieden und beschlossen, künftig der Kerze dem elektrischen Licht den Vortritt zu geben. Spoiler: Hat nicht funktioniert.
Mein neues Leben zwischen Meidlinger Hauptstraße, Markt und „Stammplatz“
Mittlerweile bewege ich mich durch den Bezirk, als hätte ich nie woanders gewohnt – ich kenne meine Wege, meine Routinen und vor allem meine Strategien, wie ich möglichst überzeugend so tue, als hätte ich mein Leben im Griff. Meist führt mich mein Weg ganz entspannt über die Meidlinger Hauptstraße, wo ich zielstrebig wirke, obwohl ich in Wahrheit nur schaue, wo es heute am besten riecht.
Mein persönliches Zentrum ist längst der Meidlinger Markt geworden – ein Ort, an dem ich offiziell „kurz was besorge“, inoffiziell aber einfach nur herumschlendere und mich kulinarisch treiben lasse.
Und wenn ich dann vom vielen Nichtstun erschöpft bin, lande ich ziemlich zuverlässig im Golden Harp Irish Pub am Beginn der Meidlinger Hauptstraße, wo ich bei einem Getränk sitze, entspannt in die Gegend schaue und mit dem lieben und feschen Kellner Daniel (Glatze, Bart, inzwischen fixer Bestandteil meines Alltags) plaudere, als hätten wir gemeinsam schon mehrere Lebensphasen durchlebt.
Fazit: Wenige Stationen, große Wirkung
Ein Jahr Meidling hat mir gezeigt, dass man nicht weit reisen muss, um etwas Neues zu erleben. Manchmal reichen ein paar Autobus-Stationen – und plötzlich ist alles ein bisschen anders.
Ich habe vielleicht noch immer den Geruch vom Favoritner Kebab in der Nase. Aber ich habe gelernt, souverän auf „Sackerl?“ zu reagieren, in der U6 emotional stabil zu bleiben und Wiener Grant nicht als Angriff, sondern als zwischenmenschliches Angebot zu verstehen.
Und ganz ehrlich: Ich glaube, ich bin angekommen. Zumindest so weit, dass ich jetzt selbst anderen erkläre, wo es hier „wirklich gut“ ist – auch wenn ich insgeheim immer noch dieselben drei Lokale meine.
Besuche dazu auch die empfohlenen Beiträge am Ende des Beitrages!



Ich verfolge deinen Blog schon eine Zeit lang! Toller Blog und wunderschöne Beiträge. Danke dass du uns an deinem Leben in Meidling auf diese humorvolle Art teilhaben lässt.