Fasching und ich: Eine Beziehung mit sehr viel Abstand
- vor 11 Stunden
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Es gibt Dinge im Leben, die man einfach akzeptiert. Steuererklärungen. Montagmorgen. Dass Socken nach dem Waschen verschwinden. Und dann gibt es Fasching.
Diese paar Wochen im Jahr, in denen plötzlich völlig normale Erwachsene beschließen, ihre Würde sorgfältig zusammenzufalten, in eine Schublade zu legen und stattdessen als schlecht gelaunter Superheld, zerknittertes Einhorn oder „witziger“ Tourist durch die Gegend zu laufen.
In Städten wie Bregenz, Villach oder Imst scheint das Ganze sogar einen offiziellen Ausnahmezustand auszulösen. Da wird nicht einfach gefeiert – da wird zelebriert. Mit Umzügen, Musikkapellen und einer Ernsthaftigkeit, als hinge das kulturelle Überleben der Menschheit von einer ausreichend großen Menge an Konfetti ab.
Was mich jedes Jahr aufs Neue fasziniert, ist die völlige Selbstverständlichkeit, mit der Menschen in diese Rolle schlüpfen. Niemand hinterfragt es. Niemand sagt: „Moment, warum bin ich als übergewichtiger Batman mit Plastikmaske unterwegs?“ Nein. Man zieht es durch. Mit Überzeugung. Mit Stolz. Mit einem Getränkebecher in der Hand.

Und dann diese Kostüme. Ach, diese Kostüme.
Man erkennt sie in drei Kategorien:
Das „Ich hab das noch im Keller gefunden“-Outfit.
Eine Perücke, die aussieht, als hätte sie schon drei Generationen Karneval überlebt, kombiniert mit einer Brille ohne Gläser. Fertig ist der „verrückte Professor“.
Das „Ich bin total originell“-Kostüm.
Spoiler: Nein, bist du nicht. Wenn noch sieben andere als derselbe Seriencharakter herumlaufen, ist es kein kreativer Geniestreich mehr. Es ist eine Massenproduktion mit Glitzer.
Das „Hauptsache eng und auffällig“-Konzept.
Wenig Stoff, viel Selbstbewusstsein und die felsenfeste Überzeugung, dass dies gesellschaftlich nur an diesen Tagen legitim ist. Ein anthropologisches Phänomen.
Und irgendwo dazwischen steht man selbst. Unverkleidet. Beobachtend. Und fragt sich ernsthaft, wann genau Erwachsene kollektiv entschieden haben, dass Grimassen schneiden und laut „Helau“ rufen als Ausdruck von Lebensfreude gilt.
Was besonders beeindruckend ist: die plötzliche emotionale Tiefe. Menschen, die das restliche Jahr kaum Smalltalk überstehen, liegen sich jetzt in den Armen, nennen sich „Narrenkollegen“ und singen Lieder, deren literarischer Anspruch irgendwo zwischen Kinderreim und Werbejingle liegt.
Und alle sind überzeugt, dass genau das Kultur ist.
Natürlich wird dann gerne mit „Tradition!“ argumentiert. Als würde dieses Wort automatisch jede Kritik neutralisieren. Ja, es ist gewachsen. Ja, es hat Geschichte. Aber auch Schnurrbärte aus den 80ern waren mal verbreitet – trotzdem müssen wir sie nicht wieder einführen.
Das eigentliche Highlight bleibt aber das Verhalten. Diese Transformation! Der ruhige Buchhalter wird zum tanzenden Piraten. Die zurückhaltende Nachbarin wird zur ekstatischen Glitzerfee. Der Chef? Läuft als Cowboy herum und glaubt, das sei Teambuilding.
Und am nächsten Tag? Katerstimmung. Konfetti im Haar. Heisere Stimmen. Und dieses kollektive Schweigen, als hätte nichts stattgefunden.
Vielleicht bin ich einfach nicht kompatibel mit dieser fünften Jahreszeit. Vielleicht fehlt mir das Gen für rhythmisches Schunkeln im Plastikhelm. Vielleicht finde ich es schlicht absurd, dass erwachsene Menschen freiwillig in Ganzkörperkostümen durch Innenstädte ziehen und das für den Höhepunkt sozialer Interaktion halten.
Aber eines muss ich zugeben: Fasching ist konsequent. Konsequent laut. Konsequent grell. Und konsequent überzeugt davon, dass es unglaublich lustig ist.
Ich bleibe derweil am Rand stehen, mit Kaffee statt Konfetti, und beobachte dieses faszinierende Schauspiel wie ein Naturphänomen.
Andere sammeln Kamelle. Ich sammle Fremdscham.
Und ehrlich gesagt? Ich komme jedes Jahr gut durch den Winter – ganz ohne Narrenkappe.




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